Utopia Teil 1 – Die Schule von morgen


Wäre es nicht cool, wenn 1000 Leute diesen Blog lesen würden.? Wäre es nicht cool, wenn Hausaufgaben freiwillig wären? Wäre es nicht cool, wenn ich 7 verschiedene Sprachen sprechen könnte? Wäre es nicht cool, wenn ich Dir erkläre, was das hier bedeuten soll? Gerne. Mach ich.

Ein Tool, das sich bei uns in der WG, beim Fußballverein oder anderen Treffen mit großem Erfolg durchgesetzt hat, ist „Wäre es nicht cool, wenn…“. Man vervollständigt den Satz, gerne auch mit scheinbar unrealistischen oder sogar unmöglichen Dingen – die man eben cool fände. Wenn man das mal mit anderen Leuten gemacht hat, spürt man die Kreativität, die durch dieses Vorgehen freigesetzt wird und wie viele coole Ideen letztendlich daraus resultieren. Wir machen es immer am Ende einer Sitzung oder eines Gesprächs. Manchmal beginnt es erst zäh, aber nach und nach überstürzen sich auf einmal die verrücktesten Ideen und jeder versucht, noch einen draufzusetzen und die anderen zu übertrumpfen. Mir persönlich macht das richtig Spaß und ich kann es Dir nur wärmstens ans Herz legen, das auch mal zu versuchen.

Mit diesem Blogbeitrag möchte ich auch „Wäre es nicht cool, wenn…“ spielen, allerdings im übertragenen Sinne. Ich hatte mit Johannes über Zukunftsvisionen gesprochen und wie beispielsweise das Leben in 50 Jahren aussieht – und zwar im Idealfall – Wäre es nicht cool, wenn-Style. Wie sieht beispielsweise unsere Fortbewegung und der Verkehr in den Städten aus? Wie sehen die Städte überhaupt aus? Gibt es große Hochhäuser aus Glas, deren Stockwerke vor Pflanzen und Gärten nur so leuchten, während wir dazwischen mit unseren solarbetriebenen Fluggeräten hin- und herfliegen?
Du merkst schon, der Fantasie sind hierbei keine Grenzen gesetzt. Ich möchte heute anfangen mit einer „Wäre es nicht cool, wenn“-Zukunftsversion von der Schule, dem Unterricht und dem Leben der Schüler. Viel Spaß dabei!


Bela gähnte und streckte sich. Die morgendlichen Sonnenstrahlen kitzelten ihn im Gesicht und er drehte sich noch einmal auf die andere Seite. Das konnte er sich erlauben, seit er in die 8. Klasse gekommen war. Die Schule begann für ihn jetzt immer erst um 9 Uhr, denn der Unterrichtsbeginn war angepasst an den Biorhythmus der Schüler.

Er genoss es, morgens ohne seine kleinen Geschwister zu frühstücken, aber manchmal wachte er auch schon auf, bevor ihn die Strahlen seines Lichtweckers aus dem Schlaf holen konnten. Dann setzte er sich zu den beiden an den Tisch und hörte sich an, was sie heute alles in der Schule erleben würden und worauf sie sich freuten. Aber heute nicht, denn heute hatte er seine Schlafenszeit soweit wie möglich ausgekostet. Das Tennistraining am Tag davor war ziemlich anstrengend gewesen, aber jetzt fühlte er sich wieder quicklebendig.

Er sprang aus dem Bett, rannte durch die Wohnung, raste die Treppe herunter, machte an der Stange im Wohnzimmer ein paar Klimmzüge und stürzte sich dann auf sein Frühstück. Wie jeden Morgen hatte seine Mutter ihm einen Zettel dazugelegt. Auch wenn er es manchmal lächerlich fand, war er doch immer gespannt, was ihn erwartete, wenn er das Papier umdrehte.
Heute stand da ein Zitat, von einem gewissen Walt Disney. Er kannte den Namen irgendwoher, aber noch fiel es ihm nicht ein.


Er lächelte in sich hinein. Am gestrigen Abend hatte er sich noch zusammen mit seiner Mutter ausgemalt, wie er irgendwann die Wimbledon-Trophäe in die Luft stemmen würde. Natürlich hatte sie dann so einen Spruch ausgewählt. Er nahm sich vor, heute in der Schule nachzufragen, wer Walt Disney gewesen sei. Dann überlegte er kurz und notierte sich den Namen auf einer Karteikarte, wie er es gestern in KUV (Kreativität und Vorstellungskraft) von Frau Hoffner gelernt hatte. Er freute sich schon, ihr zu erzählen, dass er ihre Ideen schon mehrmals ausprobiert und angewendet hatte.
Jetzt aber los! Er schnappte sich seine Jacke, zog seine Barfuß-Laufschuhe an und machte sich auf den Weg. Aus einem Interview mit dem legendären Roger Federer hatte er gelernt, sogar seinen Schulweg zu nutzen, um an seiner Fitness zu arbeiten. Mittlerweile strengten ihn die zehn Minuten durch die Stadt joggen kaum noch an und vergingen wie im Flug.

Er kam an, begrüßte seine Freunde und machte sich mit ihnen gemeinsam auf den Weg Richtung ihres Gemeinschaftszimmers. Dort wartete schon ihr heißgeliebtes Klassenlehrerduo Christian und Juliane. Die zwei saßen bereits im Kreis und wie jeden Morgen setzten sich die Schüler schweigend dazu. Dann begrüßten die beiden alle und jeder holte seine Ikigai-Karte hervor und legte sie vor sich oder behielt sie in der Hand. Bei manchen befand sich ein kurzer Text darauf, andere hatten Symbole oder Bilder aufgedruckt oder gemalt.
Bela blickte Roger Federer in seiner Hand noch einmal tief in die Augen und schloss diese dann, wie alle anderen auch. Christian leitete ein paar gemeinsame Atemzüge an, danach übernahm Juliane mit einer gemeinsamen Meditation. Als sie fertig war, blieb es noch ein paar Minuten still und jeder war ganz mit sich selbst beschäftigt. Bela sah sich selbst, wie er ein Ass schlug, einen kurzen Ball gerade so übers Netz kratzte und dann mit einem wuchtigen Schmetterball das Spiel beendete.

Er öffnete die Augen. Heute war er einer der Letzten, manche waren schon losgegangen, um ein bisschen Sport zu machen. Er beschloss für heute, direkt an seinem aktuellen Thema weiterzuarbeiten. Er wusste, wie wichtig es war, sich morgens zu bewegen, allerdings war er ja auch schon zur Schule gejoggt und hatte zuhause Klimmzüge gemacht.
Er machte sich auf den Weg zu seinem Arbeitsplatz und setzte sich an den Tisch. Dort lagen schon seine Unterlagen vom Tag zuvor und er tauchte direkt wieder ein in sein aktuelles Thema „Umgang mit Rückschlägen“. Es war bisher sein absolutes Lieblingsthema, denn für fast alles fanden sich Beispiele in der Welt des Sports. Jedes Mal aufs Neue inspirierte es ihn, zu sehen, was seine großen Vorbilder alles aushalten und überwinden mussten. Die Zeit verging wie im Flug und zwischendurch überhörte er sogar ein paar Mal das kurze Glockenklingeln, was alle 20 Minuten ertönte und einen daran erinnern sollte, sich immer wieder zu bewegen oder zumindest aufzustehen. Egal. Dafür machte er beim nächsten Mal zehn Liegestützen mehr.
Als die Glocke länger und lauter läutete, war er beinahe enttäuscht. Auch wenn es endlich Pause war – die eineinhalb Stunden des ersten Lernblocks waren wie im Flug vergangen.

Er räumte seine Papiere zur Seite, holte sich bei der Essensausgabe ein bisschen Obst und Gemüse und machte sich dann auf den Weg Richtung Pausenhof. Sein bester Freund Tim erzählte gerade etwas von einem Jungen, der Seesterne ins Meer warf, aber verstummte, als Bela ihm freundschaftlich in die Seite knuffte. Dann fragte er: „Na Roger, wie war es gestern im Training?“
Denn Tim war momentan am Arm verletzt und durfte noch nicht wieder zum Training.
 Doch das hinderte ihn nicht daran, die kompletten 30 Minuten der Pause mit Bela und den anderen über den Pausenhof zu jagen und sich gegenseitig zu fangen. Als das Bimmeln erneut ertönte, waren sie fast schon erleichtert, so anstrengend war es gewesen.

Nun begann die Teamwork-Phase. Jeweils zu viert oder zu fünft arbeiteten sie entweder an einem gemeinsamen Projekt oder ihnen wurde von einem Lehrer beispielsweise eine neue Lernmethode vermittelt. Heute arbeiteten sie gemeinsam mit Christian am Thema „Konstruktive Zusammenarbeit“. Bela wollte zwar im Einzel und nicht im Doppel Tennis-Champion werden, aber dennoch fand er es sehr interessant, was Christian ihnen vorstellte. Zum Beispiel den Unterschied zwischen Meckern und konstruktiver, also zielführender Kritik. Er nahm sich vor, mit seinen Geschwistern und Eltern mehr in Ich-Botschaften zu sprechen und ihnen zu erklären, warum ihn etwas störte, wenn es mal ein Problem gab. Denn die Studien und Versuche, an denen man den Unterschied erkennen konnte, waren beeindruckend.
Als nach einer Stunde die Glocke wieder zur Pause läutete, quoll sein Kopf fast über vor Ideen und er freute sich über ein bisschen Ablenkung. Er notierte schnell noch die neuen Gedanken auf den überall in der Schule greifbaren Karteikarten und machte sich auf den Weg.

Nun war er in der Küche gefragt. Wenn auch nicht sein Lieblingsteil des Tages, so war es doch gut, nach all den neuen Ideen und Eindrücken etwas weniger Forderndes zu machen. Außerdem konnte man sich beim Zwiebelschneiden super mit den anderen unterhalten. Wie fast jedes Mal versuchten sie sich anfangs ein wenig vor der Arbeit zu drücken, was bei der französischen Küchenchefin Madame Therriet sowieso ein Himmelfahrtskommando war. Und am Ende hatten sie doch wieder Spaß gehabt – auch wenn sie es natürlich nicht zugaben, als sie an Madame Therriet vorbeischlüpften, die ihnen zuzwinkerte, während sie ihr großes Küchenmesser spielerisch in ihre Richtung schwang.

Als letzte Lerneinheit vor dem Essen und der Mittagspause war Bela nun selbst als Lehrer gefragt. Immer im Zwei-Tages-Rhythmus halfen sie entweder den jüngeren Schülern bei Problemen und Herausforderungen oder ihnen wurde selbst geholfen. Heute war Ersteres der Fall. Bela verbrachte die Stunde vor allem damit, Moritz, einem jüngeren Schüler den Umgang mit einem Videoschnittprogramm zu erläutern. Er konnte sich noch gut erinnern, wie er selbst es einmal lernen wollte und deswegen fiel es ihm leicht, zu erkennen, wo die kritischen Punkte lagen.
Manchmal fragte er sich, warum kein Lehrer diese Aufgabe übernahm. Die konnten es doch viel besser und wurden extra dafür ausgebildet. Andererseits hatte er trotzdem ein gutes Gefühl dabei, jemand anderem etwas zu erklären und zur Abwechslung mal „der Chef“ zu sein. Außerdem machte es richtig Spaß, Moritz zu ermutigen und dem gefiel die Zusammenarbeit auch gut.

Dann war es endlich soweit: Das Mittagessen stand bereit und auch wenn zum Teil selbstgekocht, so war es doch immer ein Genuss. Er schlug sich den Bauch voll mit all den Leckereien, von denen sogar einige aus dem schuleigenen Garten, jedoch mindestens aus regionalem Bio-Anbau stammten und war schließlich pappsatt. Er wusste eigentlich, dass langsam essen gesünder war, aber er musste ja groß und stark werden, das war das Wichtigste.

Nach dem Essen durfte man sich entscheiden, ob man im Schlafsaal ein kurzes Nickerchen machen oder rausgehen oder lesen wollte. Früher war er immer mit seinen Freunden rausgegangen, aber nach dem Mittagessen war wildes Rumgetobe sowieso verboten und machte irgendwie auch nicht so viel Spaß. Er hörte kurz in sich hinein und entschied dann, ins Lesezimmer zu gehen. Er las gerade einen spannenden Thriller, der zur Corona-Zeit gespielt hatte und die letzten Kapitel wollte er unbedingt zu Ende lesen.
Das schaffte er tatsächlich auch und nach dem Happy End seines Buches folgte nun auch das seines Schultags, denn jetzt ging es los mit den PG’s (kurz für Passion Groups).

Er war natürlich in der Tennis-Gruppe und als die anderen aufs Feld kamen, wärmte er sich schon längst auf und mobilisierte sich. Er wollte sich schließlich nicht verletzen und dann wie Tim am Rand sitzen und zuschauen.
Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Flug. Er rannte durchs Feld, sprang nach schier unerreichbaren Bällen, schlug mal ins Netz und mal ins Feld, freute sich, fluchte mal, jubelte laut und schließlich war die Zeit um und nach der täglichen Reflektions-Runde machte er sich auf den Nachhauseweg. Dort kam er pünktlich zum Essen und das hatte er jetzt auch nötig. Gemeinsam aßen sie, sprachen über die Schule und ließen den vergangenen Tag Revue passieren. Und während sie über die Schule redeten, merkte Bela wie dankbar er für seine Mitschüler, Lehrer und die gesamte Schule war.


Dankbar bin ich auch – und zwar dass Du diesen Artikel gelesen hast.
Das alles sollte keine Vorgabe sein, wie Schule auszusehen hat, sondern einfach ein Gedankenspiel. Mein Ziel oder meine Idee damit war lediglich, aufzuzeigen wie es sein könnte. Es wird sicherlich nicht genauso werden, aber wäre es nicht cool, wenn es zumindest so ähnlich wird?
Ich finde die Vorstellung so eines (Schul)alltags wunderschön und genau solche Visionen ermutigen mich, unsere Arbeit mit o4U voranzutreiben, um eines Tages vielleicht selbst anderen so ein schönes Leben zu ermöglichen. Ob als Vater, Mitarbeiter einer Schule oder in anderen Bereichen. Ich werde mein Bestes geben, um die Zukunft möglichst positiv zu gestalten, sodass es den Tennis-Champion Bela vielleicht wirklich irgendwann geben wird.

Bis dahin eine schöne Zeit und nochmal danke fürs Lesen,

Anselm


„Es ist wichtig, große Träume zu haben, damit man sie nicht aus den Augen verliert, wenn man sie verfolgt.“ – Oscar Wilde



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